Archiv: September 2010

Ans Rheinische Landesmuseum

11.09.2010 Allgemein, Archäologisches, Privates, Regionalgeschichte Keine Kommentare

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe mich gestern zum ersten Male in Ihrem Hause eingefunden, zugegeben, um mich in erster Linie einmal über die Ur- und Frühgeschichte des Rheinlandes sowie das Mittelalter zu informieren. Vieles über die römisch-germanische Zeit hält ja schon das Römisch-Germanische Museum in Köln bereit, sodass ich mir deshalb eine andere Gewichtung in Bonn erhoffte. Auch die Themenausstellungen an sich, fanden nicht alle meinen Gefallen.

Vorab bemerkt, ist meine persönliche Herangehensweise an die Exponate eines Museums von einer möglichst wertneutralen Betrachtung getragen, weil ich mir ohne wissenschaftliche Interpretationen zunächst ein eigenes Bild verschaffen möchte. In einem zweiten Schritt lese ich Begleittexte, um meine Ideen bestätigt zu finden oder aber Anregungen für ein anderes Sehen und Denken zu erhalten. Mangels einer chronologischen Darstellung allerdings stieß Ihr Ausstellungskonzept auf mein Unverständnis, weil sich scheinbar zusammenhanglos Exponate aller Epochen nebeneinander finden und in den Begleittexten nur auf die historischen, nicht aber auf die Ausstellungszusammenhänge verwiesen wird. Ich muss dazu sagen, dass ich in Ihrem Hause bewusst auf technische oder sonstige Hilfsmittel zur Begleitung der Ausstellungen verzichtete und wegen der tobenden Schulkinder in der obersten Etage startete.

So wurde mir nicht klar, wie etwa das Thema Herrschaft bei den wenigen und nicht sehr aussagefähigen Exponaten aus Altertum, Mittelalter und NS-Zeit erläutert wird, weil eben Begleittexte fehlen und sich ein innerer Zusammenhang nicht herstellen lässt. Ohnehin leben wir ja heute in einer Zeit ohne gefühlte Herrschaft, weil Politiker Sachzwänge vorschieben, wenn Lobbyisten ihnen ihre Handlungsanleitungen aufgeben. Nehmen wir hier als Beispiel die Bundeskanzlerin heraus, die nach der Verfassung die Richtlinien der Politik bestimmt, jedoch dann selbst in einer Frage wie der der Atompolitik weder ihr geballtes Fachwissen als Physikerin einbringt noch ein so genanntes Machtwort spricht, sondern sich hinter einer Entscheidung des Kabinetts verschanzt. So gewinnt der Bürger, anders als zu früheren Zeiten mit ihren im Christentum verwurzelten Herrscherpersönlichkeiten, eher den Eindruck einer Politik von austauschbaren Köpfen. Wie also wird Herrschaft überhaupt erfahren?

Auch das Thema des sich wandelnden Gottesbildes, das aufgrund der Vielzahl römischer Altäre sowie der christlich, sakralen Exponate breiteren Raum einnimmt, ist in dieser Form keineswegs selbsterklärend. Was war denn vor den Römern? Karls erster Sachsenfeldzug 772 mit der Zerstörung der Irminsul auf der Eresburg wäre ein Aufhänger gewesen. Woran glaubten die Germanen? Warum konnte sich das Christentum durchsetzen? Dass es einen Wechsel von der römischen wie germanischen Vielgötterei zum Eingottglauben gegeben hat, sich Rudimente der Vielgötterei in der katholischen Heiligenverehrung erhalten haben, das wird zumindest in den Begleittexten der Ausstellung nicht deutlich. Auch die schamhafte Darstellung einer jüdischen Thora in einer Gebäudeecke finde ich wenig gelungen. Gänzlich fehlen mir Exponate zu den zugewanderten Muslimen, obwohl über die aufgenommene Kultur eine Verbindung hergestellt werden könnte.

Theoretisch müsste beim Thema Gottesbild natürlich mit dem Streben des Menschen nach seelischer Reife begonnen werden, bekannt aus Goethes Hauptwerk, dem Faust, der in der Urfassung dieses Thema mit der Schüler-Mephistopheles-Szene unmittelbar anspricht und dieses metaphysische Streben der (humanistischen) Bildung entgegenstellt. Die beiden Wege, Schamanentum im Faust Teil 1 und Mystik im Faust Teil 2 wären anzusprechen, daneben Okkultismus, Philosophie und Riten. Aus welchen Quellen der Erkenntnis bedienten sich die Römer, aus welchen die Germanen? Welche Parallelen, welche Unterschiede zu anderen frühen Völkern sind zu erkennen? Auch ohne nennenswert in die Tiefe zu gehen, würde ich mir hier eine strukturierte Darstellung wünschen, wohl erkennend, dass statische Gründe des Hauses ebenso Einfluss auf die Ausstellung haben könnten.

Gefallen hat mir neben der Vor- und Frühgeschichte (Neandertaler) die Teilausstellung zur Renaissance mit den Glaubensstreitigkeiten. Die halte ich wegen der verschiedenen Aspekte bürgerlichen, adeligen und geistlichen Lebens für gelungen. An dieser Stelle erwartet auch niemand eine Betrachtung des bäuerlichen Lebens, zumal sich dort seit dem frühen Mittelalter nicht viel verändert hatte. Auch die Animationen zur Kölner Stadtbefestigung oder zu Mercators Genauigkeit bei der Kartenherstellung, gezeigt am Beispiel Kölns, sind richtig gut. Zumindest ohne Ton und Text verbesserungswürdig ist die Animation zur Entwicklung eines Adelssitzes. Wurde das mutmaßlich einzige „hölzerne Fort“ in Mitteleuropa überbaut und durch einen steinernen Wohnturm ersetzt, der sich dann Motte nannte?

Natürlich habe ich mir auch Gedanken gemacht, wie ich eine solche Ausstellung aufziehen würde. Ich würde in jedem Falle in der Chronologie bleiben, weil sich daran Entwicklung besser aufzeigen lässt. Es wäre zudem sinnvoll, den Wandel auf dem Lande sowie in den Städten getrennt voneinander darzustellen. Auch Herrschaft aus Landgütern und kleinen Burganlagen heraus zu erläutern, dürfte ohne sinnvolle Alternative sein. Zudem eine  Entwicklung der religiösen Anschauungen zu geben, finde ich grundsätzlich richtig. Bliebe die Vernetzung aller Bereiche bei einem Überfluss an römischen Exponaten und wenigen Artefakten aus keltischer, germanischer und fränkischer Zeit.

Ich hätte ich keine Probleme damit, nach einer Ur- und landwirtschaftlichen Frühgeschichte dieses Buch zuzuklappen und auf die mit aller Macht einfallenden Römer gleich so mit einer Wucht an Exponaten zu reagieren. Daran anknüpfend bliebe die Frage, wie sich Germanen und Franken nach dem Abzug der Römer entwickelten. Wie wandelte das Christentum das Denken der hier Lebenden und musste ganz Europa mit kultureller weiterer Entwicklung bis zur Renaissance warten, weil Zentraleuropa (eben damit auch das Rheinland) nachhinkte? Absolutismus und bürgerliche Freiheit wären eine Thema. Danach könnte das Thema Verfolgung und Zwangsherrschaft aufgegriffen werden.

Ohne Historiker zu sei, ohne ihren Fundus oder die statischen Besonderheiten Ihres Hauses zu kennen, maße ich mir also Kritik an, wo sich bereits mutmaßlich viele Köpfe über die Präsentation der Exponate Gedanken machten. Vielleicht hätte ich Ihnen erst gar nicht geschrieben, wenn ich nicht mittendrin einmal richtig geflucht hätte über Ihre Unordnung, und das nur, weil ich vermutlich ihre Ordnung nicht verstanden habe. Ich wollte dann auch nicht zur Information gehen und mir Hilfe besorgen, weil es meinen Naturell widersprochen hätte. Also: Selbst Schuld. Dennoch hoffe ich, dass ich Ihnen Anregungen geben darf und konnte.

Mit freundlichen Grüßen

Nachtrag: Der Brief blieb ohne Antwort.