Interpretation der Sage

Entwurf einer 3-teiligen Artikelserie

Die nachfolgende Artikelserie wurde für den „Langenfelder“ geschrieben, jedoch nicht veröffentlicht. Stattdessen gab es eine Kurzfassung und statt des versprochenen Honorars noch nicht einmal ein Referenzexemplar. Das fand ich schon recht traurig, gelangte andererseits jedoch damit zum nachfolgenden Text, den ich sonst nicht verfasst hätte.

Die Sagen vom versunkenen Schloss in Langenfeld

Schriftliche Aufzeichnungen des Mittelalters, also etwa Urkunden oder Steuerlisten, sind selten. Da zudem keine Grundbücher existierten, kann nicht mehr nachvollzogen werden, ob der richtige Hof in der Urkunde bezeichnet wurde oder gar ob der übertragene Hof überhaupt demjenigen gehörte, der ihn veräußerte bzw. tauschte. Auch Steuerlisten könnten deutlich mehr vom Wohlwollen oder der Ungnade des Steuereintreibers zeugen, denn von der tatsächlichen Ertragskraft des Hofes. Überdies war eine unabhängige Gerichtsbarkeit völlig unbekannt, es gab nur Adel und Kirche, größtenteils noch miteinander verwandt oder verschwägert. Im Großen und Ganzen dürfte deshalb Willkürherrschaft an der Tagesordnung gewesen sein, unter der das einfache Volk zu leiden hatte. Da dieses weder Lesen noch Schreiben konnten, übermittelten die einfachen Leute, so gut sie es konnten und es sich trauten, ihr Wissen und Ihre Weltsicht durch Märchen und Sagen. Gute Gründe für uns, diese mündlichen Erzählformen einmal näher zu betrachten.

Märchen, da ist man sich heute sicher, dienten wenigstens drei verschiedenen Zwecken: Es gab solche, die nur einfach der Unterhaltung dienten, solche mit einer erzieherischen Botschaft und solche, die Träumen aus seelischen Selbstheilungsprozessen entlehnt waren. Letztere wurden erzählt, damit beim Hörer über die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Märchens der eigene Selbstheilungsprozess angestoßen wurde, Psychologen gab es nämlich nicht. In dieser Tradition stehend, verfasste Clarissa Pinkola Estes unter dem Titel „Die Wolfsfrau“ ein Entwicklungsbuch für Frauen, in dem sie gezielt Märchen der Gebrüder Grimm beleuchtet und erläutert, die solcherlei Traumgeschehen zum Inhalt haben.

Weiterhin sind es Sagen, die entweder tatsächlich abgelaufene Geschichte erzählen oder gelegentlich Prophetisches, wahrscheinlich wiederum aus Träumen, enthalten. Soweit sie wahre Geschichte erzählen, was bei gegenseitiger Kontrolle durch immer erneutes Erzählen und Zuhören zu unterstellen ist, kann diese allenfalls in späterer Zeit Veränderungen erfahren haben. Zunächst wird man die Berichte sehr wahrheitsgetreu übermittelt haben, bis vielleicht eine Anknüpfung verloren ging oder jemand sich nicht mehr genau erinnerte, weil er die Geschichte selbst lange nicht mehr erzählt oder gehört hatte. Über die Generationen hinweg konnten dann Einzelheiten verloren gehen und Phantasie in die Sage Einzug halten.

Dritte Überlieferungsform sind die großen Sagas, etwa die Dietrich-Saga oder das Nibelungenlied, die immer schon aufgrund ihrer vollendeten Form faszinierten und deshalb früh aufgezeichnet wurden. Anzumerken ist jedoch, dass die darin erzählte Geschichte nur mit Vorsicht zu genießen ist, denn mit der Übersetzung ins Gedicht könnten durchaus auch andere Intentionen verfolgt worden sein. Anzunehmen ist zudem, dass die Sagas nur die Sichtweise der Herrschenden, die sich diese vortragen ließen, abbilden durften.

Gehen wir noch einmal gedanklich zu den Märchen zurück, die Traumgeschichten aus Selbstheilungsprozessen abbilden, die uns über Schmerz, Leid und Weisheit berichten, dann gehören diese, ebenso wie die Sagen der einfachen Volkes, zu den großen Schätzen des Volksvermögens. Beide verdienen es daher, immer wieder erzählt zu werden. Dies gilt insbesondere auch für die Sage vom versunkenen Schloss aus Langenfeld, die von Weisheit und von wahrer Geschichte kündet. Zwei Versionen dieser Überlieferung wurden übrigens in Langenfeld erzählt. Dem Vergessenwerden zum Trotz seien sie hier wiedererzählt. (Es folgten die Berichte 1 + 2, siehe unter Sagenversionen)

Erste Überlegungen

Es liegen zwei Berichte vor, die entweder einen oder aber zwei unterschiedliche Sachverhalte schildern. Die Deckungsgleichheit in wesentlichen Elementen spricht zunächst für nur eine Geschichte, wiedergegeben mit den Worten zweier unterschiedlicher Erzähler. Diese deckungsgleichen Elemente der Sage sind neben dem Raubrittertum die Schilderung eines Brautraubs und die Strafe des Himmels dafür. Mit der Schilderung einer göttlichen Strafe warten beide Überlieferungen mit einer fetten Sensation auf, denn eine göttliche Strafe des Ritters sieht das Christentum nicht vor, schließlich starb Jesus am Kreuz, um die Schuld der Welt hinweg zu nehmen. Beide Berichte sind folglich mit christlichen Vorstellungen nicht in Einklang zu bringen. Eine Verknüpfung des Schicksals der geraubten Braut mit einer göttlichen Strafe des Ritters aber muss begründet sein. Wenn die Beobachter der Szene dies so empfanden, lässt sich nur der gemeinsame Tod beider, so wie es die zweite Version berichtet, denken. Dann wird der Ritter mit dem Tode gerungen, sie aber erlöst von den Qualen irdischen Lebens abgetreten sein. Erlöst zu sterben, erfordert jedoch die Bewältigung des Leids im Rahmen eines Selbstheilungsprozesses der Seele, wie früher solche durch Märchenerzählungen unterstützt wurden. Da der Ritter sie aber nicht nur geraubt, sondern sich mutmaßlich auch vielfach an ihr vergangen haben wird, hatte sie ein sexuelles Schlüsselerlebnis, nämlich die Vergewaltigung/en für sich aufzulösen. Bei einer christlichen Trinität aus Vater-Sohn und Heiligem Geist konnte sie dafür keine Hilfe erwarten, denn der Heilige Geist ist ein Teil der Schöpfung, der Vater schickte seinen Sohn, der die Schuld der Welt hinweg nahm, sodass für Lohn und Strafe nur eine Person in Betracht kam, nämlich die Gottesmutter. Somit enthalten beide Berichte die zu erschließende Aussage, dass Gott nicht nur belohnt und bestraft, sondern Gott zudem eine Frau ist.

An dieser Stelle ist selbstverständlich Widerspruch zu erwarten, denn diese Überlegungen widersprechen unserem Gottesbild. Doch schon der chinesische Urphilosoph Laotse formulierte vor 2.500 Jahren im Buch Taoteking: „Rückkehr (nämlich der Seele) ist die Bewegung der Führerin des Alls.“ Goethe wechselte nach Schamanenjahren (Faust, 1. Teil) im Rahmen einer erneuten Initiation auf die mystische Seite (2. Teil) und bittet die Königin des Himmels, ihm gnädig zu bleiben. Wie Nietzsche folgte Hesse ihm zunächst auf falscher Fährte nach, gibt deshalb an seine Leser im Steppenwolf eine Warnung mit dem Irrgarten „Magisches Theater“ weiter. Aus Persien wären noch die Mystiker Hafis und Rumi zu benennen, die ebenfalls den Weg der Seele in einem solchen Prozess beschreiben. Weiterhin lässt sich heutzutage nachweisen, dass Mohammed in Notwehr tötete, Jesus schamanisierte und Buddha seine Erkenntnis an einem Erlebnis gegen die sexuelle Selbstbestimmung entzündete. Mit all diesen Einsichten lässt sich festhalten, dass unterschiedliche Ausgangssituationen in der Auflösung zu unterschiedlichen Erkenntnissen führen und eben daraus auch die Unterschiede in den Religionslehren resultieren. Dass im Übrigen diese Einsichten nicht von den Religionswissenschaften aufgedeckt werden konnten, liegt an deren Ansatz, der sich seit Karl Marx und seiner 1845 formulierten Forderung nach wissenschaftlicher Untersuchung der Religionen nicht verändert hat. Weisheit aber kann man nur mit Weisheit begegnen, nicht jedoch mit Wissenschaftlichkeit.

Damit wird deutlich, in welcher „Liga“ die geraubte Braut der Sage aus Langenfeld wirkte, in der der Dichter, Denker und Religionsstifter. Mit diesem Ergebnis können weiterhin die Elemente aus beiden Berichten herausgezogen werden, die mit dem Schicksal der Frau zu verknüpfen sind und es können Bodenstrukturen dem berichteten Ereignis zugeordnet werden. Die „übrig bleibenden“ Elemente sind dann noch gesondert zu untersuchen.

Die weitere Lösung

Nachdem ein kurzer Abriss zur „wichtigsten Botschaft“ der Überlieferungen gegeben wurde, sind die Örtlichkeiten einer Untersuchung zu unterziehen. Die Sagensage und die Einleitung Müllers weisen auf einen an der Bahn liegenden Burgstall (Reste von Wallanlagen einer Burg) an der Güterzugstrecke Hilden-Opladen hin. Westlich der Bahn zeigen sich auch Reste einer Motte, einer aus Erde und Holz errichteten Turmhügelburg, jedoch einer Vorburg mit fehlender Hauptburg. Eine weitere ehemalige Motte im Schnittpunkt A 542 und der nämlichen Bahnlinie zeigt dagegen, dass normalerweise erst die Vorburgen untergehen, bevor der Haupthügel einer solchen Burg von der Erosion abgetragen ist. Darüber hinaus befindet sich, östlich der Bahn und gegenüber dieses Burgstalls der von Müller erwähnte Sandhügel, für den der Boden kreisförmig ausgekoffert und aufgeschüttet wurde. Schließlich könnte noch der Name Duckeburg auf das mittelhochdeutsche „dugen“, was mit drücken, schieben übersetzt werden könnte, zurückgehen und einen Anhalt für den Ablauf der Katastrophe geben: Der Galkhauser Bach könnte von einem durch Blitzschlag gestürzten Baum gestaut worden sein, der die Gewalt des Wassers aber nicht ewig zurückhalten konnte. Das Wasser wird den zum Bach liegenden Turmhügel weggespült haben, sodass Ritter und Braut umkamen. Da auch die Vorburg überflutet war, hat man zunächst einen neuen Turm vor dem alten Eingang erbaut, bevor man in die Motte am Blockbach (A542/Bahnlinie) umsiedeln konnte. Nicht nachvollziehbar nämlich wären mehrere Herrschaften in so kurzer Entfernung zueinander.

Mit dieser Lösung lassen sich alle Elemente beider Überlieferungen dem erwähnten Burgstall zuordnen: Ritter und Braut kamen gemeinsam um, von großem Reichtum jedoch keine Spur. Dennoch könnte es große Schätze gegeben haben, wohl aber nicht in dieser Burg. An zwei Bauernhöfen in Reusrath werden mit Möckenburg und Virneburg die Namen von gleich zwei weiteren Burgen neben der Dückeburg wach gehalten. Da Dückeburg bereits der Name der Blockbachmotte als unmittelbarer Nachfolgerin des „versunkenen Schlosses“ gewesen sein wird, bleibt Möckenburg als Name des Burgstalls an der Bahnlinie übrig, denn die Virneburgstrasse läuft auf eine weitere ehemalige Burg hin, die damit mutmaßlich auch Virneburg geheißen haben wird.

Auf die entwickelte Lösung weisen weitere Sagen hin: So erzählt die Sage vom versunkenen Schloss im Blutsberg in Österreich vom Missbrauch (wohl eines Küchles) und von der Erlösung eines weißen (weisen) Fräuleins. Soweit von Schätzen gesprochen wird, sind diese von einem schwarzen Pudel bewacht, eines Pudels der uns auch in Goethes Faust begegnet und der dort den Teufel zum Kern hat. In dieser Erzählung ist von den Tränen der Frau die Rede (dem Leidensprozess nämlich, nicht dem Mitleid/en, von dem diese Sage selbst wie eine weitere aus der Vulkaneifel sprechen) und von ihrer Botschaft, den Pudel (Teufel) nicht mehr fürchten zu müssen. Damit wird eine klare Aussage zur christlichen Vorstellung des Teufels gegeben und bewiesen, dass die Sagen um versunkene Schlösser unchristlich sind. Weiter berichtet aus Biesenthal, neben einer Sage um ein Schloss, eine solche von der Weisheit einer verwünschten (verwunschenen) Prinzessin. Diese wenigen Beispiele mögen hier genügen, die Aufzählung ließe sich fortführen.

Zur Virneburg, die mutmaßlich die früheste Burg gewesen sein wird: Auffallend im Wäldchen gen A3 und Trompeter Strasse sind willkürlich entstandene „Überlaufrinnen“ talwärts an der Vorburg, sodass von einer planvoll durchgeführten Versenkung der Anlage ausgegangen werden kann. Auf den Turmhügel selbst, der, bevor der Bach für die Autobahn verlegt wurde, mitten im Sumpf lag, ist zudem ein wallförmiger Zuweg angelegt worden. Wenn es Gold gegeben hat, so nur dort, das jedenfalls lassen die Bodenstrukturen vermuten. Auch die märchenhafte Version der Sage, wie zudem weitere Sagen um versunkene Schlösser sprechen von einem zeitlich getrennten Untergang der Burg wie seiner Bewohner! Ohne vertieft in die Einzelheiten zu gehen, lässt sich überdies nur der Nibelungenschatz denken, der hier vergraben wurde. Denn die Nibelungen zogen offenbar an der Mündung der Dhünn über den Rhein, der mutmaßlich zum Einflussgebiet der Burg gehörte. Dort sollen sie, so die Überlieferung, den geraubten Schatz versenkt haben. (Übrigens soll sich Pippin, der Vater Karls des Großen, immer an dieser Stelle über den Rhein hat rudern lassen, wohl um nach dem Gold Ausschau zu halten.) Weiter wird von einer Klostergründung im Jahre 973 in Langenfeld berichtet, die wegen des Mordes an einem kaiserlichen Abgesandten wieder aufgegeben wurde. Und tatsächlich lassen sich noch weitere Burgställe in den Sandbergen ausmachen (heute von der geplanten Verlängerung der A 542 nach Solingen bedroht), die die Männer des Klosters, die Armeen des Erzbischofs von Köln und die des kaiserlichen Abgesandten beherbergt haben werden. Betrachtet man sich überdies den Kölner Dreikönigsschrein sowie die 48 Könige, die aus den Fenstern des Chores auf den Schrein hinabblicken, kann man sich denken, wer den Mord um das Gold begangen hat und wo sein mutmaßlicher, heutiger Aufenthaltsort ist.

Ein sicher überflüssiger Hinweis am Rande: Die vielen Grabungstätigkeiten verraten, dass heute tatsächlich nur noch Erde vorhanden ist. Das Gold ist vollständig ausgeräumt. Dafür hatten frühere Generationen genügend Zeit, im Übrigen, als es noch kein Fernsehen gab und man die Botschaften von Märchen und Sagen noch zu verstehen wusste.

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