Pool, Pohl und Badeanstalt

schrieb am 16.06.2016 - Allgemein, Namen und Deutungen, Nonsens - Noch keine Kommentare

Ein nicht ganz ernst gemeinter Beitrag zum Wert von Sprache anhand von Wasserlöchern und deren Bezeichnung.

Letztens sprach mich wieder ein Freund der amerikanischen Trivialliteratur begeistert auf die Möglichkeiten des Englischen an. Was für tolle Worte es da gäbe. Die englische Sprache würde inzwischen sechzigtausend Hauptwörter kennen und das Deutsche nur zehntausend. Damit wären wir seit dem verlorenen Zweiten Weltkrieg sogar von sprachlicher Fortentwicklung total abgehängt worden. Man müsste nur in beliebige Prospekte schauen, um zu sehen, wie sich das Englische in unsere Sprache eingeschlichen hätte, wegen der viel genaueren Bezeichnung oder weil man Worte hätte, die wir gar nicht kennen würden. (Fällt mir „Handy“ ein. Ist sogar ein englisches Wort, dass noch nicht einmal die Engländer kennen.)

Doch zum Thema: Zunächst einmal war ich ratlos. was ihm darauf zu antworten wäre, weil ich mich auf sein Thema noch nie so recht eingelassen hatte. Um zunächst einmal seinen Vortrag für mich nachvollziehen zu können, angelte ich mir das nächste Revolverblättchen aus dem meinem Briefkasten und stöberte durch die Werbepostillen, die in reicher Zahl beigefügt waren. Darunter war eine solche von einem dieser Billig-Shops, die in den sterbenden Innenstädten wie Pilze aus dem Boden schießen. In dieser Reklamesendung gab es einen „Pool“ zum Planschen für die Kleinsten, einen „Pool“ für die Großen zum Selberbauen, dazu rutschfeste „Pool“-Steine (auch für in die Erde gelassene „Pools“), Reinigungsutensilien für „Pools“ sowie noch eine „Pool“-Dusche für alle „Pools“ im Prospekt.

Aha, dachte ich so bei mir, „Pool“ also kenne das Deutsche nicht? – Kann eigentlich nicht sein: Denn das englische „Pool“ entspricht doch nur dem deutschen „Pohl“, das leider etwas in Vergessenheit geraten ist. Damals bezeichnete es eine Art von Badeanstalt insbesondere für Enten und Gänse (erhalten in den Worten „Ganspohl“ oder „Entenpfuhl“). Manchmal wurde aus einem „Pohl“ nicht nur dann ein „Pfuhl“, wenn man Richtung Bergisches aufbrach, sondern auch wenn die Vogel-Badewanne etwas verdreckter war, jedenfalls bei uns. Und wenn nur noch Kinder oder Schweine darin badeten, nannte man es eine „Suhle“. Den im Prospekt erstgenannten „Pool“ jedenfalls kennt das Deutsche eigentlich als „Planschbecken“ und das zweite wie dritte stille Gewässer als „Schwimmbecken“. Bei Saunen spricht man zudem von „Tauchbecken“ und unter Sprungtürmen finden sich regelmäßig „Sprungbecken“. Alle zusammen können darüber hinaus in einer Badeanstalt vorkommen, zum Beisiel in einem Freibad oder auch in einem Hallenbad. Manchmal gibt es solche Pohle, wenn nicht als private Schwimmbecken auch in einem Kombibad, einem Erlebnisbad, einem Thermalbad oder einer Badelandschaft, je nach Art und Ausrichtung der Schwimmanstalt. Unterschieden werden kann zudem bei den verschiedenen „Pohlen“ nach dem Wasser, welches in die Becken kommt. So befüllt man private wie öffentliche Schwimmeinrichtungen meistens mit Leitungswasser, manchmal stattdessen aber auch mit Meerwasser (in einem „Meerwasserbad“). Wir finden Schwimmgelegenheiten aber auch in Seewasser, Grundwasser, Bachwasser, Flusswasser (Badeteich, Badeweiher, Flusswasserbad), seltener natürlich in Abwasser. In Letzterem badet man hierzulande eher unfreiwillig. Ein Gesundheitsbad befüllt man überdies häufig mit Thermalwasser (so die Reklame), ein Familienbad mit Kinderpipi (so einschlägige Verbraucherschutzsendungen im TV) oder ein Erlebnisbad mit den Blut-Schlieren abgestochener Schauspieler (bekannt aus deutschen Krimis). All das fasst man im Englischen offenbar unter nur einem Wort, nämlich „Pool“ zusammen, womöglich weil die Engländer nicht so sauber sind und deswegen gar nicht unterscheiden müssen.

Was nun lernen wir aus der Betrachtung des Wortes „Pool“? Zeigt sich darin bereits, dass das Deutsche genauer ist? Selbstredend reicht dazu die stille Gewässerkunde nicht aus. Deswegen besah ich mir vor dem Hintergrund der Begriffsvielfalt noch die Computer-Sprache, das Fach-Chinesisch der Volks- und Betriebswirte sowie die Botschaften der Reklamewelt und stelle fest: Dem Deutschen nicht unbekannt, doch in weit größerem Maße bedient man sich im Englischen ebenfalls mit Anleihen aus anderen Sprachen und verengländischt diese. Tatsächlich ist das Englische nämlich gar nicht weit umfangreicher als das Deutsche. Nur ist man in Deutschland (als bewusster Sprachnutzer) auf solche Verhunzungen weit weniger stolz, so etwa das bereits erwähnte „Handy“ oder auch auf das rheinische „Basseng“, welches auf das französische „Bassin“ zurückgeht. Letzteres bedeutet übrigens „Pool“ auf Französisch.

Sind wir also deswegen um unserer Sprache willen „froh“, dass unser Deutsch – nicht mehr – als Sprache der Welt herzuhalten hat. Denn das Englische hat seit dem Krieg als die von allen benutzte „Weltsprache“ an Exaktheit, Prägnanz und damit an Wert eingebüßt. Das neue internationale Verständigungsmittel wird heutzutage aufgerieben zwischen Wissenschaften, Werbe-Fuzzis, Computer-Freaks und Sprach-Hools, die inzwischen jeden Begriff, auch wegen der Begrenztheit des Englischen, verdrehen und diesen in immer neuen Kombinationen verwenden müssen. So jedenfalls wird nach meinem Dafürhalten eine Sprache eher verballhornt und entwertet, als dass diese durch eine ausufernde Begrifflichkeit aufgewertet würde.

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