Fiktives Interview

Herr Peters, Sie beziehen Themen aus der Beschäftigung mit Schlüsselerlebnissen. Das Buch „Die Sage(n) vom versunkenen Schloss“ macht da keine Ausnahme. Dort ist ein Opferleidensprozess um ständige Vergewaltigungen ein Teil der Auflösung. Was reizt Sie an solchen Fragen? 

Zu einer Zeit, als es noch keine Psychologen gab, mussten sich Menschen in seelischer Not auf andere Art und Weise behelfen als heute. Denn selbstverständlich gab es nicht nur keine Seelendoktoren, sondern ebenso wenig Psychopharmaka mit all ihren mehr oder weniger unerfreulichen Nebenwirkungen. Die Menschen waren daher gezwungen, ihren Schmerz auszuhalten. Und weil sie andere Hilfe nicht erhielten, wandten sich viele in ihrer Not an ihren Schöpfer oder aber an die Muttergottes. Denn auch damals schon waren Priester weniger Seelsorger als mehr Körpersorger, und zwar überwiegend zu ihrem eigenem Wohlbefinden. Vergegenwärtigen Sie sich dazu bitte nur, dass es keinerlei Proteste der Priester gegen die Arbeit der Psychologen gibt, obwohl doch gerade Priester sich für die Seelen Ihrer Schäfchen für zuständig erklären. Das ganze Geschwafel vom „guten Seelenhirten“ offenbart sich damit als eine glatte Lüge.

Jedenfalls mussten sich die Menschen in einer ernsthaften seelischen Notlage in alter Zeit in erster Linie einmal selbst helfen. Mancher nutzte dazu teils Märchen, wie dies Clarissa Pinkola Estes in ihrem Buch „Die Wolfsfrau“ aufzuzeigen sucht. So erzählte man sich bestimmte dieser Überlieferungen und manchmal auch Sagen, um sich gegenseitig in den schlimmsten Abschnitten des Leidens über die größten Hürden hinweg zu helfen. Das fand ich vor dem Hintergrund, selbst den alten Weg beschritten zu haben, spannend, erst recht, als ich entdeckte, dass alle Religionsstifter aus dem Aushalten des Leidensdruckes für sich Weisheit und darüber hinaus sogar ihre Lehren schöpften. Andere „Selbstbezwinger des alten Wegs“ wurden nicht Stifter einer Religion sondern Dichter oder Denker, nutzen somit gleichfalls ihre Erlebnisse und die sich daran anknüpfenden Gedanken wie die die Vorgenannten. Anders als diese wandelten sie jedoch ihre Einsichten aus dem Prozess nicht in religiöse Lehren um, sondern in Literatur und Philosophie.

Schon deshalb dürfte deutlich werden, warum ich mich derart akribisch in die Auflösung von Lohn und Strafe um die sexuelle Nötigung der Frau der Sage verbiss. Zwar hielt ich noch anfänglich allein die Sagenlösung für Grund genug, mich um diesen Teil der Geschichte zu bemühen, doch erkannte ich schnell, dass damit zudem eigene Lebensgeschichte aufgearbeitet werden konnte. So war nur meine erste, dennoch im Übrigen richtige Überlegung, dass der Rest des Rätsels (um nämlich das versunkene Schloss und einen vergrabenen Goldschatz) deutlicher einfacher würde, sofern man erst einmal einen Teil der Lösung in der Hand hält. In zweiter Überlegung begriff ich schnell, dass ich so parallel zum „Großen Prozess um die Auflösung der Abtreibung“ an der Auflösung eines Erlebnisses gegen die sexuelle Selbstbestimmung arbeiten konnte, welches normalerweise in der Aufarbeitung der Abtreibungsproblematik untergegangen wäre. Später wurde mir überdies bewusst, dass mit einer sauberen Lösung dieses Teils der Sage eben mutmaßlich weiteres Interessantes in punkto Religionen sowie zu Literatur und Philosophie in Erfahrung zu bringen sein würde. So führte mich die Auflösung der Überlieferungen zu vielschichtigen Einsichten über eigene Selbsterkenntnis hinaus, die ich ohne die Beschäftigung mit dieser Geschichte für mich nie aufgeschlossen hätte.

Wenn ich einmal zusammenfassen dürfte, sind es drei Themenkomplexe, die sie interessieren: Zum einen sind es die Rätsel um die menschlichen Erlebnisse selbst. Darüber hinaus wären es die geschöpften Einsichten aus der Verarbeitung solcher Erlebnisse, weil diese nach Ihrer Auffassung Religionsstiftern, Dichtern oder Denkern gleichermaßen als Quelle ihrer Inspiration gedient haben sollen. Und dann gibt es drittens diese ungeklärte Geschichte um einen „sagenhaften“ Schatz. Sie vermuten ja darin den Schatz der Nibelungen und diesen zudem noch in einem Versteck, das deshalb niemand gefunden haben soll, weil der Schatz vor unserer aller Augen ausgebreitet sei.

Nun ja, ganz ehrlich – wenn ich nicht Ihr Buch gelesen hätte, würde ich spätestens bei dem Schatz jegliche Ernsthaftigkeit Ihrerseits in Zweifel ziehen. Deshalb – Hand aufs Herz, Herr Peters: Lässt sich wirklich guten Gewissens allein mit verarbeiteten Schlüsselerlebnissen auf die Zeit der Religionsstifter zurück schließen? Wenn Sie für diesen Weg – wie sagten Sie – der Selbstbezwingung werben, besteht nicht für Manchen die Gefahr, auf diesem Wege stecken zu bleiben? Oder ganz despektierlich gefragt: Sind nicht die, die sich selbst helfen wollen am Ende allein auf Sie und damit auf Ihrer dichterischer Freiheiten angewiesen?

(Lacht) Schöne Vorstellung, ein Dichter schickte sie alle in die Irre. Natürlich! Aber Sie brauchen sich nicht allein auf mich zu verlassen. Goethe mit dem „Faust“ etwa war Lehrmeister Nietzsches und auch Hesses, der wiederum seinerseits unter anderem mit dem „Steppenwolf“ mir helfen konnte. Goethe selbst ließ sich von Hafis und vielleicht auch von Rumi inspirieren, er las alte indische Weisheitstexte wie das Bhagavadgita oder Laotses Spruchdichtung. Nietzsche, Lieblingsphilosoph Hesses, beschäftigte sich ausgiebig mit Religionen und alten religiösen Texten. Dass er sich aber zuallererst Goethe zum Vorbild nahm, beweist er im „Zarathustra“: „Alles Unvergängliche – das ist nur ein Gleichnis. Und die Dichter lügen zuviel.“ Diese Aussage wird den Ängstlichen natürlich wenig freuen, aber Nietzsche beschrieb sich im Kapitel über die alten und neuen Tafeln (man kennt solche ja von Moses) auch als „Dichter, Rätselrater und Erlöser des Zufalls“. Damit meint er, einer der mystischen Rätselmeister geworden zu sein, die die irdische Gesellschaft ein Stück weit nach vorne bewegen müssen. Lassen wir hier ausdrücklich die Vorstellung des Erlösers als eine nicht allein christliche Wunschvorstellung stehen, sind es nämlich immer wieder diese Rätselmeister, an denen andere wachsen können. Doch ich will nicht zu ins Detail gehen, dies ist mehr mein Thema auf der Webseite Forum „Freie Mystik‘. Für die Lösung hier daher der Reihe nach:

Lebensgeschichten mögen in den großen und starken Erlebnissen variieren, doch nicht derart gravierend, wie es uns manchmal erscheinen mag. Ein Steinzeitmensch, einmal dahingestellt, ob er schon über ein ausgereiftes Sprachvermögen verfügte, wird bereits den Tod eines nahen Angehörigen betrauert haben. Dass uns der Mensch in prähistorischer Zeit nicht unähnlich war, wird etwa an Höhlenzeichnungen oder an archäologischen Funden deutlich. Zudem kennt man steinzeitliche Grablegungen oder auch mystische Fetische (Muttergottheiten wie die Venus von Willendorf oder die Venus von Dolni), wobei letztere ein Alter von 25000 bis 27000 Jahren aufweisen. All das sind deutliche Hinweise, dass sich der Mensch bereits früh mit dem Leben und Sterben sowie dem Sinn des Lebens auseinandersetzte. Noch ein Beispiel: Wenn etwa eine Sippe überfallen, die Männer erschlagen und die Frauen vergewaltigt wurden, dürfte dies nicht zur Freude der Überlebenden gewesen sein. Wie heutzutage, wird der gewaltige Schmerz Anlass für tiefer gehende Überlegungen gewesen sein. Daran mögen Sie erkennen, dass wir uns vom Steinzeitmenschen nicht so weit entfernt haben, wie wir oft denken mögen, nur dass unsere Wohnhöhlen nicht mehr so geräumig, aber dafür geringfügig komfortabler sind.

Das geht mir immer noch ein wenig zu schnell. Wie kommen Sie darauf, von steinzeitlichen – wie Sie es nennen – „mystischen Fetischen“ auf die Beschäftigung der damaligen Menschen mit den Fragen des Lebens zu schließen?

Auffallend ist, dass bestimmte Schlüsselerlebnisse immer vergleichbare Einsichten bedingen. So erfuhr eine Frau im Leidensprozess weltweit schon immer, dass Abtreibung kein Mord ist. Dass die Frau selbst bestimmt über Ihren Körper verfügen darf und diese Einsicht altbekanntes Naturrecht ist, lässt sich im Übrigen anhand von klassischen indischen Texten als geschöpftes Naturrecht bis in das zweite Jahrtausend vor Christus zurückvermuten. Wenn sie also gesellschaftlich zur Mörderin gestempelt wird, wird sie spätestens, wenn nicht schon zuvor durch eine Nötigung, damit zum Opfer.

Püppi

Nachempfunden einem Fetisch im Ethnologischen Museum in Köln

Um nun den mystischen Fetisch zu erläutern, sieht die Leidende in einem solchen Prozess Gott dann im Traum als Frau, wie es auf der Website Forum ‚Freie Mystik‘ näher erläutert wird. Übrigens zeigt das Rautenstrauch-Jost-Museum in Köln in seiner altägyptischen Abteilung ein solches gut zweitausend altes „Mystisches Traumpüppchen“. Dieses nahm ich mir deshalb zum Vorbild meiner Nachbildung, weil ich eine vergleichbare Erfahrung machen durfte. Eine solche Figur wird deshalb einerseits aus Dank für die überstandene Seelenkrise gefertigt worden sein oder andererseits auch möglicherweise den Wunsch nach Bezwingung des alten Wegs zum Ausdruck bringen. Am Rande eingeworfen, bedingen vergleichbare Erfahrungen zur Abtreibung, etwa die Zusammenführung mehrerer Erlebnisse, hier ist etwa an ein Prügelerlebnis bis in Todesnähe, der Verlust eines nahen Angehörigen sowie eine Seelenwanderung zu denken, vergleichbare Einsichten. Einsichten im Übrigen, wie sie offenbar nicht nur in Indien, sondern auch in Mitteleuropa bekannt waren. Denn wohl deshalb galt das Recht auf Abtreibung bis zum Verbot durch Papst Pius X bis in das Jahr 1856 ebenso für den Bereich des Christentums. Dass dieses Recht der Frau heute negiert wird, ist allein eine politische Entscheidung, und dies keineswegs vor dem Hintergrund einer noch naturrechtlich zu klärenden Frage.

Damit dürfte deutlich werden, dass die Vorstellung von Gott als einer Frau aus solchen Prozessen stammt. Mithin haben wir es bei den Venusdarstellungen folglich auch mit mystischen Fetischen zu tun, wobei die Mystik deshalb keineswegs älter sein muss, als das Schamanentum. Diese beiden Richtungen trennt nämlich gerade einmal ein kleiner Seelenentscheid im Leidensprozess, wie ihn etwa Nietzsche im Zarathustra treffend als den „Torweg namens Augenblick“ beschreibt. Vielleicht darf ich gerade zu ihm anfügen, in dem die Welt den Atheisten und Nihilisten vermutet, dass er wie Dante, Goethe oder Hesse erst den schamanischen und dann den mystischen Weg einschlug. Im Übrigen, so weist es das erste Zitat von ihm vorhin aus, wird er sich über sich selbst geärgert haben, weil er zunächst Goethe folgte und den falschen Weg beschritt. Allerdings dürfte sein Ärger über Goethe verflogen sein, als er darüber seine Leidensverwandtschaft zu Zarathustra entdeckte und diesen deshalb zum literarischen Helden seines Weisheitswerkes erhob.

Sind diese Traumvorstellungen von einer weiblichen Muttergottheit immer vorhanden oder sind andere Erkenntnisse hierzu bekannt?

Ein klares Jein: Betrachten wir zunächst neben den Erkenntnissen um die Abtreibung die Einsichten von Mördern: Die erfahren, wenn sie sich an Gott wenden, wie viele Leben sie noch auf der Erde zubringen müssen, um dennoch göttliche Aufnahme zu erfahren. Dass sie sich nun nichts mehr zu Schulden kommen lassen dürfen, ist natürlich selbstredend. Und weil sie überdies aber Täter sind, können sie im Prozess Gott nicht schauen. Am Rande erwähnt, wird diese eingeschränkte Erkenntnis eines Täters für Außenstehende daran erkennbar, dass sich ihre Gottesvorstellung mit der von ihnen geschöpften Weisheit nicht verändert. So konstatierte schon Laotse zur niederen Meisterschaft, dass jene (durch das Patriarchat geprägten Menschen) über die Vorstellung einer weiblichen Gottheit lediglich lachten.

Kommen wir damit zu Mohammed, der als Mystiker ebenfalls ein patriarchales Gottesbild propagierte, also Täter gewesen sein muss. Wenn er darüber hinaus für sich selbst göttliche Güte und Gnade empfand und darob im Folgenden eine Rechtsordnung entwarf, um allen Menschen ohne eigene Erkenntnisse den Weg in den Himmel zu bereiten, wird er sich um Strafe an Gott gewendet haben. Hier bietet die Logik nur eine einzige Möglichkeit eines zugrunde liegenden Schlüsselerlebnisses an, nämlich aus Notwehr heraus getötet zu haben. Nur solchen Tätern wird offenbar, dass ihnen der Himmel trotz ihres Tötungsdeliktes offen steht. Damit im Übrigen wäre eine Tötung, um sich selbst vor dem Tod zu schützen, als letzter Ausweg naturrechtlich erlaubt.

Figur des historischen Buddha

Figur des historischen Buddha

Wenn Sie sich nun Buddhas Gottesbild von etwas unpersönlich Absolutem ansehen, können Sie rein logisch betrachtet bereits eine Aussage treffen: Buddha muss sich als Täter an Gott gewendet haben. Dennoch wird er, der keine Rechtsordnung entwarf, sondern einen Weg zur Erkenntnis aufzeigen wollte, nicht wegen eines Tötungsdeliktes Gott angegangen sein. Was also bleibt, wenn es weder Mord noch Abtreibung gewesen sind? Natürlich nur ein sexuelles Schlüsselerlebnis! Um ein solches Vice-Versa-Erlebnis aufzulösen, muss er von der Opfer- auf die Täterseite gewechselt sein und avancierte damit – nach Laotse – zum mittleren Meister. Laotse hatte bereits beobachtet, dass solche Adepten sich einer Vorstellung einer weiblichen Gottheit gegenüber skeptisch zeigten, nicht aber darüber lachten. Das nun hängt mit dem Traumbild des mystischen Menschen im auflösenden Leidensprozess zusammen. Denn darin sieht der angehende Mystiker die Menschheit als einen einzigen Körper und sich selbst als eine Zelle. Gott, als Kopf dieses gewaltig großen Wesens ist dagegen nicht zu erkennen. So entsteht mit diesem Traumbildnis die Vorstellung von etwas unpersönlich Absolutem, gleichzeitig aber – weil die oberen Himmel nicht zu erkennen sind – bleibt dieser Bereich für Spekulationen offen. Als gedemütigter und wohl auch deshalb skeptischer Meister, wird er hinsichtlich der Muttergottheit dann zwar Zweifler bleiben, nichtsdestotrotz anderen Meistern aber noch andere Erkenntnisse zutrauen.

Wie Sie also sehen mögen, gibt es hier eine gemeinsame Quelle von Dichtern, Denkern sowie Religionsstiftern. Nur dass es eben unterschiedlich von der Ausgangssituation her auch jeweils andere Einsichten zu entdecken gibt. Nachdem ich im Übrigen schon früh von Mördern mit deren Erkenntnissen um Aussagen zu meinen Einsichten angegangen worden war, wurde mir deshalb schnell bewusst, dass eine saubere Lösung zur Frau der Sage, deretwillen ein Ritter hatte sterben müssen, neue Einsichten ergeben würde. Mit der dann aufkommenden Vorstellung, durch die Verarbeitung eigener Geschichte in der Auflösung gleichzeitig noch eine weitere Klientel neben Abtreibungsopfern bedienen zu können, arbeitete ich akribisch an der Lösung der Sage vom versunkenen Schloss, zumal sich damit gegebenenfalls noch ein weiterer Puzzlestein des göttlichen Belohnungs- und Bestrafungssystems aufdecken ließ. Schließlich wurde mir bei Untersuchung des historischen Buddhas und seiner Lehre gewahr, dass ich über vergleichbar einschlägige Erfahrungen mit Erlebnissen gegen die sexuelle Selbstbestimmung verfügte wie eben jener und mich zudem wie er selbst in diese Situation gebracht hatte. So war dann für mich die neben der Auflösung der Abtreibung betriebene Auflösung des Schlüsselerlebnisses Vergewaltigung gleichzeitig im eigenen, im Sagenlösungs- sowie im Religionsaufklärungsinteresse.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, haben Sie also eigene Erlebnisse verarbeitet, um das Rätsel um die Frau der Sage aufzulösen. Dass leuchtet ein. Auch dass Sie sich damit selbst geholfen haben, erscheint nachvollziehbar. Doch dass Sie darüber hinaus Einsichten in die Lehre des historischen Buddha, des indischen Prinzen Siddharta Gautama gewinnen konnten, halte ich für gewagt. Was haben Sie denn zu der Frau, ihrem Leben und dem Strafgericht herausgefunden, dass sich dies mit Buddha vergleichen ließe? 

Zunächst einmal gebe ich Ihnen Recht, wir haben es hier tatsächlich mit verschiedenen Menschen und verschiedenen Leben zu tun. Bleibt aber dennoch ausschließlich größtes Hindernis in der Akzeptanz solcher Überlegungen, dass die Person des Stifters einer Religion als derart herausragend dargestellt wird, dass angeblich niemand mehr an solche Weisheit heranlangen könnte. Andererseits aber kennen wir gerade mit den Dichtern und Denkern genauso interessante und weise Menschen, wie es die Stifter der Religionen sind. In einem ersten Schritt muss man sich also davon lösen, dass Wissen und Weisheit der Stifter von einem anderen Planeten stammt. Sie waren allesamt Menschen, die ihre persönlichen Erlebnisse in Erkenntnis umzuwandeln hatten.

Ich habe beispielsweise eine Bekannte, die in Buddha eine so über alle Maßen erleuchtete Persönlichkeit sieht, dass sie, obwohl sie einen vergleichbaren Auflösungsweg beschritt, nicht begreift, dass sie über gleichartige Erkenntnisse verfügt. Ungläubig staunte sie, als ich ihr ihre Weltsicht und die des Buddha auf die ihr bekannten Träume des auflösenden Leidensprozesses zurückführen konnte. Der Rest der Weisheit ist im Übrigen Reine Logik. Mystik ist nämlich nicht anderes als Leiden und Philosophie – und – am Rande eingeworfen – damit den Geisteswissenschaften nach Platon um persönliche Betroffenheit, Selbstbezwingung, demütige Hingabe und Gottesfurcht voraus.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf gehen wir jetzt den weiten Schritt zurück vom Bodhibaum des Buddha in Bodh Gaya/Indien in das deutlich weniger beschauliche Further Moor nach Langenfeld: Denn wenn hier tatsächlich ein göttliches Strafgericht stattgefunden haben sollte, von dem uns die Sage berichtet, kann die Frau nur mit dem Tod aus ihrem langen Martyrium, über Jahre in einer Burg gefangen gehalten und vergewaltigt zu werden, erlöst worden sein. Eine Flucht, von der eine der Überlieferungen berichtet, wäre nämlich – insbesondere wenn die Frau ihrem Peiniger noch Kinder gebar – keine wirkliche Erlösung gewesen. Auch Herkunft, Alter, früherer Lebensweg usw. sprechen nicht für eine Flucht, sondern für den Tod.

Man darf also daher vermuten, dass sich die Frau in ihrer Situation an den Himmel wandte und – für die Menschen damals so wahrgenommen – vom Himmel auch Hilfe erhielt. Da göttliche Aufnahme erst nach einem Prozess des Erkennens oder der seelischen Reifung möglich ist, wird sie diesen Prozess für sich abgeschlossen haben. Zu dieser Lösung gibt es im Übrigen korrespondierende Überlieferungen, die wohl allerdings erst auf den zweiten Blick ihre Verwandtschaft zur Sage vom versunkenen Schloss offenbaren.

Damit hat die Frau der Sage etwas für sich erreicht, was die Menschen an Buddha bewunderten, sie reifte zu einer seelisch erwachsenen Frau. Was darüber hinaus an Buddha bewundernswert ist, sind seine philosophischen Gedanken, nämlich aus seinem Erkenntnisweg heraus eine Lehre für alle zu entwickeln. Allerdings bemerkte Buddha nicht, dass sein Lebensweg allein nicht ausreichte, mit den daraus gezogenen Erkenntnissen eine allgemeingültige Lehre zu entwickeln. Deshalb – aber nur am Rande – können sich die Buddhisten überhaupt um das große und das kleine Fahrzeug streiten, ob nämlich wenige Auserwählte oder viele aus dem Zyklus von Tod und Wiedergeburt der Seele (nicht des Körpers) heraus Erlösung finden werden.

Vielleicht darf ich zunächst noch einmal aufnehmen, dass nach Ihrer Auffassung Weisheit aus verarbeiteter Lebenserfahrung resultiert. Sie entsteht also aus persönlicher Betroffenheit in Schlüsselerlebnissen und deren anschließender Auflösung im Leidensprozess. Der Rest zur Weisheit ist reine Logik, eventuell im Vergleich mit den Erkenntnissen anderer Menschen aus deren Einsichten. Wäre das so richtig?

Ja, das sehen Sie völlig richtig. Nur dass man sich eben nicht einfach hinsetzt und einen Leidensprozess beginnt, sondern auf einen äußeren Anstoß angewiesen ist. Dies können Gespräche über Schlüsselerlebnisse, Bücher zum Thema, qualifizierte Dejà-Vu-Erlebnisse oder auch einfach nur der Kuss eines Mystikers/einer Mystikerin sein, die einen solchen Prozess der Selbstbezwingung zur Erlangung eigener Erkenntnisse über Persönliches sowie das Leben an sich. Gotthold Ephraim Lessing ließ sich einmal zur Weisheit aus: „Der aus Büchern erworbene Schatz fremder Erfahrung ist Gelehrsamkeit, eigene Erfahrung ist Weisheit.“ Leider unterschlug er uns den Weg dorthin, das möchte ich mit meinen Schriften nachholen.

Das klingt alles spannend. Allerdings habe ich noch immer ein Problem damit, die Frau der Sage mit Buddha auf eine Stufe stellen zu wollen.

Ich kann Ihr Unbehagen nachempfinden. Als ursprünglich gläubiger Katholik hätte ich es mir auch nie träumen lassen, einstmals zu solchen Themen „meinen Senf abgeben“ zu können. Aber so ist das. Wenn man sich noch nicht selbst auf die Suche zu Gott begeben hat, erscheinen einem die Religionsstifter wie einsame Heroen in dunkler Zeit. Wenn ich einmal ein bisschen lästerlich werden dürfte: Kann das wirklich verwundern bei derart unlogischen Glaubensinhalten wie: „Jesus starb am Kreuz, um unser aller Schuld hinweg zu nehmen. Deshalb wir eines schönen Tages wie neu dem Grab entsteigen. Dann ist das Himmelreich da und wir – die lebenden Toten – werden Gott preisen.“ Will sich da wirklich noch jemand über Zombie-Filme wundern? Die Filmindustrie Bollywoods jedenfalls, im Lande der Mystik in Indien, liefert statt Horrorfilmen Liebesfilme ab.

Doch ernsthaft: In der (reinen) Mystik ist niemand auf die Hilfe eines Messias angewiesen, sondern kann sich selbst um göttliche Güte und Gnade bemühen. Lassen wir die Irrtümer des Mohammed wie des Buddha einmal außen vor, bestand von je her die Möglichkeit, einen eigenen Weg einzuschlagen. Und für nichts anderes steht die reine Mystik heute ein. Da ist natürlich die Frau der Sage, insbesondere vor dem Hintergrund einer von Männern geprägten Gesellschaft eine Persönlichkeit, an die gerne zu erinnern ist.

Nun haben wir zu der Frau der Sage aber keinen historischen Nachweis. Es ist nur eine Geschichte, die sich noch nicht einmal in Langenfeld abgespielt haben muss. Versunkene Schlösser gibt es doch zuhauf. Was macht Sie denn so sicher, dass sich die Geschichte tatsächlich in dieser Stadt abspielte?

Ihre Frage ist nicht unberechtigt. Allerdings haben wir in Langenfeld eine ganze Reihe von mittelalterlichen Bodenstrukturen vorzuweisen, die als Schauplatz des berichteten Szenarios in Betracht kommen könnten. Bei genauerer Untersuchung bleiben davon zwei Burgställe (also ehemalige Burgen) über, die der Ort der Handlung sein könnten. Eine davon ist eine in eine ehemalige Turmhügelburg, kurz genannt: Motte, die in eine wohl germanische Ringwallanlage gebaute wurde. Dies ging jedoch unter, sondern wurde mutmaßlich planvoll versenkt, scheidet damit für ein göttliches Strafgericht aus. Dagegen verfügt die zweite ehemalige Motte über eine versunkene Herrschaft und einen eiligst zusammen gescharrten Hügel für einen Burgturm vor der alten Anlage, der also mutmaßlich nach dem Untergang entstand. Zu dieser gibt es in räumlicher Nähe eine weitere Burg, die erst später für eine steinerne Nachfolgerin aufgegeben wurde. Allein derart viele Hinweise baulicher Art kann kein anderer angeblicher Standort eines versunkenen Schlosses in Deutschland aufweisen. Das gibt mir denn auch eine gewisse Sicherheit in meinen Aussagen, zumal Funde an den einzelnen Burgenstandorten meine Theorien hierzu erhärten konnten. Zu erwähnen sind insbesondere die Marienstatue aus der Blockbachmotte sowie Scherbenfunde an der untergegangenen Motte, die von neugierigen Jungen in Kenntnis der Sage und des Ortes in den 1950er Jahren dort gemacht wurden. Diese dürfte damit keineswegs eine Wasserbaumaßnahme des 18ten Jahrhunderts gewesen sein, wie zwei so genannte Fachleute bei Erstbegehung glaubten annehmen zu können. Weiter zu erwähnen ist ein Baumsarg am Turm der alten Barbara-Kirche in Reusrath (besehen Sie sich nur dazu einmal die Namenspatronin und deren Lebenslauf: sie starb, eingesperrt in einem Turm, einen Martertod, während ihr Peiniger vom Blitz erschlagen wurde). Bei so vielen Hinweisen auf die richtige Auflösung dieses Teils der Sage ist es mir dann auch Wurst, ob der Nibelungenschatz nun in Langenfeld lagerte, ausgegraben und nach Köln verbracht wurde oder nicht. Logisch weiterentwickelt ist dieser Teil der Geschichte in jedem Falle. Das Einzige, was im Übrigen dem bislang entgegengesetzt wurde, war: „Das glaube ich nicht“ oder: „Das hat uns unser Lehrer aber anders erzählt“, und anderer Unsinn. Dabei müssen die Historiker sich und uns inzwischen bei fast jeder Grabung eingestehen, dass sie erneut ihr Bild der Geschichte revidieren müssen. Da wird es eigentlich Zeit, meine Lösung endlich auf den Prüfstand zu stellen. (Grinst) Schließlich möchte ich nicht nur wegen der Auflösung der Religionen, sondern auch wegen korrigierter Geschichtsbilder in die Annalen eingehen. Dass ich mir mit einer solchen Forderung nicht unbedingt Freunde mache, ist mir auch klar. Aber es stellte bereits der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer heraus: „Jedes neue Ding erscheint erst lächerlich, dann wird es bekämpft, schließlich ist es selbstverständlich.“

Welche persönliche Bedeutung hat die Sage nun für Sie gehabt? 

Die Sage war mir als eine meiner Aufgaben bereitet. Dieser weitere Prozess neben dran musste vor allem deshalb sein, um das Wirken des historischen Buddhas entzaubern zu können. Die Lösung dieses Rätsels war überdies wichtig, um das göttliche Belohnungs- und Bestrafungssystem aufzudecken, was seit Laotse in dem Umfang nicht mehr gelungen war. Darüber hinaus hat mich die Sage natürlich manches Mal vor die Türe getrieben, sodass ich in der Natur neue Kraft tanken konnte, meine Aufgabe zu meistern. Und zudem wurde mir mit der Sage, anders als es Dante, Goethe oder Nietzsche konnten, des Weiteren die Möglichkeit genommen, zunächst noch einen (im Grunde sinnlosen) Ausflug in das Schamanentum zu unternehmen.

Übrigens hatte ich mich bereits mit fünfzehn Jahren in Unkenntnis, was mich erwarten würde, dem Himmel angeboten, eine besondere Aufgabe zu übernehmen. Und nach einer ersten  Prüfung mit 21 Jahren wurde ich dafür auch als nicht „zu leicht“ befunden. So habe ich mir im Grunde die vielen negativen Erlebnisse in meinem Leben aufgrund dieser Bereitschaft eingehandelt, etwas zu bewegen. Andererseits darf ich mich nun dafür in die Reihe der großen Rätselmeister einstellen, selbst wenn mein Werk erst nach meinem Tod Anerkennung finden sollte. (Grinst) Immerhin hätte ich dann noch die Zeit, einige weniger gelungene Texte, die zurzeit nur Kreisklasse-Niveau erreichen, auf Weltklasse-Niveau anzuheben.

Doch trotz dieser Umstände, um jetzt einer möglichen Frage zuvor zu kommen, gehe ich davon aus, dass es noch andere Menschen hätte geben können, diese Aufgabe zu bewerkstelligen. Dafür hätten Andere dann wohl an ganz andere Aufgaben wachsen dürfen, als ich. Vielleicht wäre es auch für sie eine Sage gewesen, eine die vor deren Haustür spielte. Doch es gilt: Nur wer bereit ist, dem wird auch bereitet.

Herr Peters, vielen Dank für das Gespräch.

Falls Sie sich mit dem großen Thema Schlüsselerlebnisse und Religionen sowie Religionsstifter/Dichter/Denker weiter beschäftigen möchten, sei auf die Webseite Forum ‚Freie Mystik‘ verwiesen.

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