Exkurse zu Politik und Geschichtsbewusstsein

Die Exkurse bitte ich, nicht bierernst zu nehmen.

Die Kaisersiedlung

Da haben wir in Langenfeld eine Vogelsiedlung mit nur Vogelnamen als Straßennamen, eine Frauennamensiedlung mit weiblichen Vornamen, sodann ein Dichterviertel mit so einigen Schriftstellern, angrenzend ein Musikantenviertel (Mozart, Brahms & Co. würden sich über die Bezeichnung „Musikant“ sicher freuen, selbstredend Glück für Herrn Bach, dass die „Bachstraße“ schon vergeben war) und noch einige mehr. Inzwischen konnte ich sogar eine bislang unbekannte Kaisersiedlung mit nur Namen von Kaisern als Straßennamen ausmachen. So erinnerte man die Untertanen einst an ihren „Kaiser Wilhelm“ mit der „Wilhelmstraße“ und an den „Kaiser Karl“ mit der „Karlstraße“. Obwohl dem Straßennamenausschuss darob offenbar kein weiterer zu ehrender Kaiser oder König mehr namentlich in den Sinn kam, verbeugte man sich, wenn auch ohne seine ausdrückliche Erwähnung, noch vor Otto I, dem Großen. Der schlug bekanntlich mit seinem Heer im Jahre 955 die Ungarn vernichtend auf dem „Lechfeld“ und brachte damit die deutsche Nation auf den Weg. Seine Straße heißt aber, wohl weil eben gerade der Name „Otto“ kollektiv entfallen war, darum nicht „Ottostraße“, auch nicht „Lechfeldstraße“, sondern schlicht und einfach „Isarweg“. Der Beweis: Da alle weiteren Flussnamen in einiger Entfernung sind, wie etwa die „Wupperstraße“, die „Elbestraße“, die „Oderstraße“ oder der „Neißeweg“ (alle in Richrath) und rund um den „Isarweg“ sonst kein Fluss in einem Straßennamen auftaucht, muss die Namensgebung einen anderen Hintergrund gehabt haben. Dazu erstens angemerkt, fließen, wie das jeder Bildungsbürger weiß, „Iller, LECH, ISAR und Inn von rechts zur Donau hin“. Zweitens ist bereits mit diesem Spruch die äußerst geringfügige geografische Abweichung der ISAR vom LECH-feld erwiesen und die ist für einen Rheinländer völlig ohne Belang. Drittens wird genau jener „Isarweg“ als Parallele zur „Wilhelmstraße“ geführt und von der „Karlstraße“ durchschnitten. Somit kann er mit seinem Namen nur an Otto den Großen und die Schlacht auf dem Lechfeld erinnern. Und mit jetzt drei Kaisern, nämlich „Wilhelm“, „Karl“ und „Otto“ macht das Ganze eine „Kaisersiedlung“. Da sind Se baff, was? Joh, vielleicht nicht mehr jeden Kaiser oder König kennt man hier mit Namen, aber die Flüsse weiß man zu benennen, auch die in Süddeutschland. Dagegen sieht es für einen einheimischen Wasserlauf schon sehr viel schlechter aus. Mutmaßlich hemdsärmelig oder aus des Hüfte geschossen, widmete man dem „Galkhauser Bach“ die Straße „Zum Galkhause(ne)r Bach“. Aber bei einem derart bedeutungslosen Gewässer ist das sicher verzeihlich, natürlich. Dagegen fehlt es an manch anderer Stelle wahrlich an Fingerspitzengefühl! So soll der alte Karstadt/Hertie demnächst nach seiner jüdischen Eigentümerfamilie „Sass“ – „Sass am Markt“ heißen. Allerdings findet sich das Gebäude am Nordende der Hauptstraße, die in den späten Dreißigern und frühen Vierzigern des vergangenen Jahrhunderts einem übergroßen Politiker gewidmet war. Stellen Sie sich vor, jemand fragt nach einem Oberbekleidungsgeschäft und bekäme zur Antwort: „Schicke Oberbekleidung erhalten sie bei „SA“ und „SS“ an der „Adolf-Hitler-Straße.“ Sie halten das für völlig überzogen? OK, die Einweihung des Hauses mit Eröffnung der letzten Geschäfte findet am 20. April 2011 statt, auf den Tag genau 11 plus 111 Jahre nach der Geburt des größten Führers aller Zeiten. Tja, meine Herrschaften, wenn das mal kein närrisches Zusammenspiel ist! In diesem sehr weiten Zusammenhang möchte ich denn auch noch einmal auf den „Isar“ -Weg und die Anfänge des Nationalsozialismus in den Brauhäusern der Isarmetropole zurückkommen: In ein solch trauriges Bild schiene es sich nämlich zu fügen, dass einige Ratsherren Brauhäuser in allen Stadtteilen fordern, als Orte des politischen Frühschoppens, um verstärkt mit den Bürgern in Kontakt zu treten. Auch mag dieses „nur“ der Gedankenlosigkeit geschuldet sein, keine Frage. – Doch liebe Mitbürger, deswegen halte ich eine Politiker-Prüfung für zwingend erforderlich, mit Nachweis der Kenntnis eigener Geschichte, der Geschichte des Gemeinwesens, des Staates, der Religion, der Kultur sowie der Weltgeschichte. (Wem das zu übertrieben erscheint: Bitte keine Politiker mehr mit Abgangszeugnis sechstes Schuljahr Baumschule mit Lizenz zum Kartoffelpflücken)

Bier-Närrisches

Der Stamm der Ubier verkaufte FRÜH seine Freiheit für „allerlei Tand und bunte Glasperlen“ an die römischen Besatzer und erhielt für sein unterwürfiges Anbiedern eine große Stadt, AGRIPPA geweiht, errichtet. Dies geschah jedoch weniger zum Dank als mehr um des Versuches willen, mit prachtvollen (Regierungs-) Gebäuden insbesondere den Fürsten der übrigen Stämme die Nase lang zu machen. In erster Linie also um ihre kulturelle Überlegenheit zu zeigen sowie mit römischen Annehmlichkeiten des Lebens zu werben, zudem selbstverständlich zur Verwaltung der Provinz, wurde die Colonia gegründet. Für den größeren Teil GERMANIA’s rechts des Rheins erfüllten sich die Absichten und Hoffnungen der RÖMER indes nicht. Denn mutmaßlich erkannten die cleveren Germanen, dass das gemeine Volk um des römischen Eroberungsstrebens willen im Imperium seine Freiheit aufzugeben hatte, um stattdessen mit Brot und Spielen (heute ist’s der Fußball, doch zurück:) abgespeist zu werden. Ein schlechter Tausch also, auf den sich unsere freiheitsliebenden Altvorderen nicht einlassen wollten. Deshalb zogen richtige Germanen ihre armseligen Hütten den römischen Tret-MÜHLEN, bzw. dem goldenen Käfig vor. So mag am Rande als herausragendes Beispiel germanischen Freiheitswillens an die Schlacht des Arminius (ohne ubische Beteiligung) gegen Rom und die drei Legionen unter Varus im Teutoburger Wald erinnert werden. Selbstverständlich findet die schlaffe Haltung der ubischen Söhne (und Töchter) Germaniens noch heute ihren späten Widerhall, nämlich in der schlaffesten Plörre, die sich so eben noch Bier (eigentlich nur: KÖLSCH) schimpfen darf. Dass zudem das Gemeinwesen der Ubier-Nachfahren um ihren DOM herum während 800 Jahren verschont blieb (die Stadt wurde in dieser Zeit nie mit militärischen Mitteln erobert), haben diese Ungermanen allein ihrer Stadtbefestigung zu verdanken. Denn in militärischen Angelegenheiten erreichten die Ubier nie MEISTER-schaft, selbst wenn sie guten RATS folgend, ihre BÜRGER-lichen Freiheiten auf Seiten der Verbündeten Brabant, Jülich, Berg und Mark in der Schlacht von Worringen gegen den eigenen Erzbischof sowie die Ritter und KNAPPEN KUR-Kölns erringen konnten. Diese ungermanische Weichheit (kein wahrer FUNKE, also woher also der STOLZ?) zeigt sich noch heute in dem bruchlosen Übergang der Regimenter ihrer GRENADIER(e) in die Narren-ZUNFT mit ihren bunten GARDE(n). Doch nicht deswegen sei zum Schluss, sondern im Sinne des guten Leumunds ganz Germaniens, der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass die elftausend englischen Jungfrauen, deren Gebeine in der SCHRECKENSKAMMER ausgestellt sind, nicht um der Keuschheit ubischer Männer willen ihren Lebensodem aushauchen mussten. Denn dafür würde sich noch heute sicherlich die Stadtheilige St. Ursula im Grabe umdrehen.

Das Stadtjubiläum

Ein Nachtrag noch zu Langenfeld: Friedhelm Görgens erinnerte daran, dass wir das 1100-Jahr-Jubiläum der Wiederkehr der ersten urkundlichen Erwähnung eines Teils unseres Gemeinwesens (Neurath in der Urkunde Ludwig des Kindes) verpassten und das, obwohl in dieser Stadt eigentlich so ziemlich alles gefeiert wird. Nicht ganz unrecht hat er und natürlich könnten wir eine solche echte Festivität 2015 sogar unter einer närrischen Zahl (ich sprach eben bereits von närrischen Jubiläen) nachholen. Mir drängte sich dann aber die Frage auf, unter welchem Motto diese Feier stehen sollte, vielleicht die „1111-te Wiederkehr der ersten Enteignung“ hier am Ort? – Tja, Stadtgeschichte zu erzählen, kann nicht immer nett sein. Und vielleicht wird man mich ob „meiner“ Stadtgeschichte einmal der Stadt verweisen. Ja liebe Freunde, dann werde ich eben Weltenbürger und die Welt mag sehen, was sie davon hat.

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