Der Totenkopf an der Thotenmannskirch

Das Besondere an St. Amandus

War er Teil eines Grabschmucks oder verweist er auf die Nibelungen?

Die Kirche im linksrheinischen Köln-Rheinkassel trägt ihren Namen aufgrund eines aus Stein gemeißelten, eingemauerten Totenkopfs, in dessen Stirn die Buchstaben S,C, und H eingeritzt sind. Das Bild hierzu befindet sich auf der vorhergehenden Seite. Der Schädel jedenfalls befindet sich in circa zwei Meter dreißig Höhe am Turm der nach St. Amandus benannten, ursprünglich karolingischen Saalkirche. Mag sein, dass nur die im Volksmund gebräuchliche Bezeichnung „Totenmannskirch“ ungern gegenüber Fremden Erwähnung findet, jedenfalls weiß ein Aushang vor der Kirche statt einer zu erwartenden ausführlichen Erläuterung lediglich von einem vermuteten Bezug des Schädels zu einem früher vorhandenen Friedhof zu berichten, der im Übrigen heutzutage den Lebenden zur Freude zu einem Biergarten umgewidmet ist (Lasst uns auf ihren Gräbern tanzen, so wohl die Botschaft dieser Tage).
Ausführlicher nimmt sich dagegen Heinz Dick dem Gebäude und seiner Bezeichnung in einem Artikel: „Die Rheinansicht bei Wiesdorf um 1630“ in einem Band des Bergischen Geschichtsvereins: „Niederwupper 20 – Historische Beiträge“, Seite 50 ff. an: Auf Landkarten des 17. Jahrhunderts werde, so Dick, der Ort als „Dodemanskirche“ oder „Dodemanskirch“ bezeichnet. In einem Rheinbefahrungsprotokoll des Jahres 1556 sei von „Doedemanskirchen“ die Rede und in einer Abschrift eines Langeler Weistums im Jahre 1451 werde die Kirche „Thotenmannskirch“ zu „Rheincassel“ genannt. Zudem heiße noch heute eine Sandbank im Rhein bei den Schiffern „Dodemannsorth“ und sei auf die vielen dort angespülten Flussleichen zurückzuführen. Zu „Dodemannsorth“ berichte eine alte Sage, dort sei ein reicher Mann im Fluss ertrunken und an der Sandbank angespült worden. Von der großen Summe Goldes, die er bei sich getragen habe, sei die Kirche errichtet worden. Andere Varianten der Überlieferung erzählten, so Dick weiter, von einem dort angespülten toten Rheinschiffer, der derart viel Gold in den Taschen gehabt habe, dass davon die Kirche habe gebaut werden können, zumal man einen Zettel mit dem entsprechenden Auftrag in seinen Taschen gefunden habe.
In auffälligem Widerspruch zu seinem erklärten Favoriten „Dormanskirch“ (übrigens nur durch die Zeichnung Hollars überliefert) und der vermuteten Namensentstehung zu unter anderem „Dodemanskirch“ (sei aus: „zu der Amanduskirchen“ entwickelt), erläutert er dem Leser weiter, dass Geschehnisse an der starken Stromkrümmung mit Einengung der Schifffahrtsrinne, einst als „Merkenicher Kehle“ bezeichnet, sowie an einem Gesteinsrücken vor Rheinkassel („Casselberg“) zu vermutend die Ursprünge für Namensgebungen wie „Dodemannsorth“ und „Dodemannskirch“ seien. Die vorerwähnten, von den Schiffern gefürchteten Hindernisse im Rhein seien nämlich vielen Rheinschiffern zum Verhängnis geworden, so dass die mannigfachen Unglücksfälle an den genannten Stellen mutmaßlich die Wurzel der sonderbaren Namen seien, resümiert er.
Ob damit bereits das gesamte Rätsel, eben auch um den ungewöhnlichen Totenkopf gelöst ist, darf jedoch bezweifelt werden. Auch an anderen Stellen des Rheins, zum Beispiel dem Bingener Loch, gab es viele Unglücksfälle, ohne dass man Totenköpfe in Kirchtürme eingemauert hätte. Daher treffen wir zunächst drei Feststellungen:

  1. Ein weit sichtbarer Totenkopf in der Wand eines Kirchturms ist sehr ungewöhnlich und dürfte deshalb nicht ausschließlich auf einen Friedhof hindeuten.
  2. Die Namensgebung der Kirche ist mindestens ebenso ungewöhnlich.
  3. Folglich muss die dahinter stehende Geschichte gleichfalls ungewöhnlich sein.

Heinz Dick gibt eine Vermutung wieder, die sich auch mir beim ersten Anblick aufgedrängte, nämlich der Totenkopf könne ursprünglich zu einem Grabstein gehört haben. Warum aber wurde dieser Kopf später sichtbar, nicht wie ein Zeichen, sondern deutlich als ein Zeichen, links neben das Hauptportal des im zwölften Jahrhundert errichteten Turms eingemauert? Damit dürfte kaum einer Stifterpersönlichkeit gedankt worden sein, denn üblicherweise stellt man eine solche Person mittels einer Tafel vor oder mittels einer Figur dar, man würdigt ihrer jedoch nicht durch das Einmauern eines Totenkopfs, sozusagen des blank geputzten Schädels dieser Person in den Turm. Auch ein Gedenkstein für die Schlacht von Worringen im Jahre 1288 kommt als Ursprung des Totenkopfs nicht in Betracht. Denn erstens liegt die Bauzeit des Turmes vor der Schlacht und zweitens errichtet man üblicherweise ein einzeln stehendes Mahnmal für Gefallene. Folglich muss die Bedeutung des Totenschädels tiefer liegen!

St. Amandus von Rheindorf aus

Die Kirche aus Richtung Wuppermündung über den Rhein hinweg

Dick lässt sich weiter zu einer Rheinansicht Wenzel Hollars aus, die den Blick aus Richtung Wiesdorf auf die Thotenmannskirch zeigt. Gerade mit diesem Bild und dem Standpunkt seines Malers könnte Dick dann möglicherweise ungewollt der entscheidende Hinweis auf den wahren Grund der Geschichte gelungen sein. Dies bliebe zu erläutern: Auf der gegenüberliegenden Seite von Rheinkassel befinden sich nicht nur das zu Leverkusen zählende Rheindorf (auf seiner Zeichnung links im Bild) mit der Wuppermündung, sondern stromauf zwischen Wiesdorf und Rheindorf auch die ehemalige Mündung der Dhünn, in deren Bereich vielleicht sogar die Radierung Hollars entstanden sein könnte. In meinem Buch „Die Sage(n) vom versunkenen Schloß“ teilte ich bereits die Auffassung Ritter-Schaumburgs („Die Nibelungen zogen nordwärts“) und Harry Bösekes, dass sich der Zusammenfluss von Duna und Rhin, der Ort, an dem die Nibelungen das Gold im Rhein versenkten, an eben jener Dhünnmündung befunden haben könnte. Möglicherweise haben sich dort die des Kämpfens müden Krieger von der Last des Goldes „befreit“. Einen solchen Schritt vollzieht man jedoch nur dann, wenn man seine Haut retten muss (wird nicht berichtet), ein solcher Schatz seinen Wert verliert (nicht zu befürchten) oder aber wenn man von seinem eigenen Handeln völlig angewidert ist.
Nehmen wir den letzten Fall einmal an und versetzen uns in die Lage der Ritter, die quer durch Europa zogen: Um an den „Schatz der Nibelungen“ zu kommen, wurde vermutlich gemordet, geraubt und geplündert. Die Männer werden ohne Skrupel gehandelt und dann das Blutgold mutmaßlich quer durch den Erdteil geschleppt haben. Niemand aber mordet, kämpft und verteidigt seine Beute, um diese dann so mir nichts, dir nichts, in einem Fluss zu versenken. Es stellt sich somit die Frage, was die Männer zu der Aufgabe Ihrer „Altersversorgung“ bewogen haben könnte. Falls der Totenkopf mit dem Nibelungenlied in Zusammenhang stände, ließe sich folgende Geschichte denken:
Eines Morgens fanden die Einwohner Rheinkassels nach dem Abzug eines wilden Haufens von Rittern enthauptete Männer angeschwemmt an „Dodemansorth“. Die Anwesenheit der Soldateska wird man wahrgenommen haben, ohne dass man sich vor die Türe getraut haben wird. Weil aber die angeschwemmten Leichen Goldkreuze getragen haben werden, dürften die Männer als Christen identifiziert und als solche auf dem Friedhof beigesetzt worden sein. Die Schädel der Toten indes wird man nicht gefunden, sondern auf dem Grund des Rheins vermutet haben. Deshalb dürfte das Grab der kopflosen Ritter mit einem hölzernen Kreuz und einem darauf angebrachten Totenschädel versehen worden sein. Die dahinter stehende Logik: Der Schädel wurde als Sitz der Seele angesehen. Die Männer sollten am Tage des jüngsten Gerichts nicht kopflos sein. Der Schädel auf dem Kreuz sollte sie daran erinnern, sich ihren Kopf aus dem Rhein zu holen, bevor sie in die Kirche treten konnten. (Das Christentum sieht eine körperliche Wiederauferstehung von den Toten vor!)

Übrigens wird das Holz des Kreuzes im Laufe der Jahrhunderte jedoch vermodert sein, so dass irgendwann der Totenkopf heruntergefallen und jungen Burschen in einer Frühform des Cageballs als Fußball gedient haben dürfte. Mutmaßlich werden die Herren jedoch nicht ihre Namensinitialen (S, C und H) auf dem Totenkopf hinterlassen haben, da sie mutmaßlich weder lesen noch schreiben konnten und zudem die damalige Schrift eine andere war. Vermutlich werden diese Buchstaben somit, wenn nicht von völlig unbefugter dritter Seite, so doch in jüngerer Zeit auf dem Schädel angebracht worden sein. In Betracht käme natürlich sogar ein Gottesmann höchst selbst, der als Freund schamanischer Lehren mittels okkulter Befragung einiger ihm geneigter Geister in Erfahrung gebracht haben könnte, dass das Geheimnis dieses Schädels kurz vor seiner Entdeckung steht und mit dieser Lösung auch sein geliebtes Christentum fallen würde. Über so viele schlechte Nachrichten könnte er sein Entsetzen zum Ausdruck gebracht haben durch das Einmeißeln der ersten drei Buchstaben eines bekannten deutschen Schimpfwortes: (Sch…).
Doch zurück in die Zeit der Handlung: Sicherlich wird der brave Vertreter der Kirche (nicht Gottes) von solcherlei Treiben auf den Friedhof wenig begeistert gewesen sein, selbst wenn er hätte ahnen können, dass das von den Jungen kreierte Spiel – wenn auch später mit einem Lederball gespielt – eines Tages einmal die ganze Welt begeistern würde. So wird er sich – wie Kirchenmänner häufig, in diesem Falle aber glücklicherweise – als ein Hemmschuh des Fortschritts erwiesen und daher entschieden haben, den Kopf in dem gerade im Bau befindliche Turm einzumauern, um jenes Ballspiel fürderhin zu unterbinden. Denn an dieser Stelle war der Kopf einerseits für die Jungen unerreichbar, andererseits blieb er jedoch für die geköpften Ritter zu erkennen. Dass zudem das Spiel der Jungen später noch einmal erfunden wurde, unerfreulicherweise auf einer Insel, ist eine ganz andere, hier jedenfalls nicht zu interessierende Geschichte.

Bliebe zu klären, warum die Ritter enthauptet wurden und wo ihre Köpfe abgeblieben sein könnten. Als Grund der Auseinandersetzung wird man Streit ums liebe Gold oder nur unterschiedliche Auffassungen über den weiteren Fluchtweg annehmen müssen. Daher werden sich die einstigen Waffenbrüder im Streit miteinander mit der Waffe begegnet sein und mutmaßlich hat der Balmung in dieser Runde ein letztes Mal seine Dienste geleistet. Die einstigen Gefährten werden einander bekämpft haben und schließlich werden einige enthauptet worden sein. Während man die Körper dem Rhein überließ, könnte man die Köpfe zum Aalfang benutzt haben, eine gelegentlich noch heute berichtete Fangmethode. So werden frisch abgetrennte Schweine- oder Pferdeköpfe ins Wasser gelegt, um die räuberisch lebenden Aale beim Ausfressen des Gehirns zu fangen. Für eine solche Verwendung spräche auch der Ort selbst, in unmittelbarer Nähe zu den noch heute bekannten Aalfang- und Räucherbetrieben Monheims und Baumbergs. Zudem würde dies erklären, warum man sich vom Gold trennte. Selbst ein abgebrühter Ritter im Blutrausch käme mutmaßlich beim Verzehr eines Aals wieder zur Besinnung, den er zuvor aus dem Schädel seines im Streit getöteten Kameraden gezogen hat.
Sie mögen diese Vorstellung für völlig überzogen und geschmacklos halten. Dann erklären Sie aber, was eine blutrünstige Soldateska noch dazu bewegen könnte, das Morden einzustellen und sich von dem Gold zu trennen, das sie quer durch Europa schleppte. Was könnte solche Männer am Ende eines grausamen und langen Weges bewogen haben, das Gold – so scheint es in sinnloser Weise – im Rhein zu versenken? Es muss etwas passiert sein, dass diese völlig abgestumpften Männer richtig packte. Sie müssen so über sich selbst erschrocken gewesen sein, dass sie innegehalten haben.
Der Totenkopf an St. Amandus weist damit möglicherweise auf den ersten Lagerort des Rheingoldes hin und könnte ein weiterer kleiner Puzzlestein für die Geschichte vom Gold der Nibelungen sein. Nach dem Fund des überwiegenden Teils des Schatzes im Rhein könnten Reste des Schatzes von den Rheinkasselern geborgen und zum Bau der Kirche verwandt worden sein. Womöglich musste jedoch die Herkunft der Mittel für den Bau der Kirche verheimlicht werden, so dass die Geschichte mit dem Rheinschiffer erfunden wurde. Und zu vermutend, entstammte der Schatz nämlich nicht den Taschen eines reichen Fremden, der im Fluss ertrank, wie es uns die Sage berichtet.

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