Gab es den Fluchttunnel von Haus Graven oder war es ein Erdstall? Ritter Pitter

Gab es den Fluchttunnel von Haus Graven ?

schrieb am 21.03.2018 - Archäologisches, Kleine Burgenkunde, Stadtgeschichtliches - Noch keine Kommentare

Gab es den Fluchttunnel von Haus Graven oder knüpft die Sage an einen Erdstall an? Eine spannende Frage, die sich nur mithilfe der Archäologie lösen ließe.

Gab es den Fluchttunnel von Haus Graven ?

Die „neue“ Burg, Haus Graven

In meinem Buch „Die Sage(n) vom versunkenen Schloss“ berichte ich von einer mündlichen Überlieferung in Langenfeld, speziell im Stadtteil Wiescheid. Dort habe es einen Fluchttunnel von Haus Graven in die alte Burg gegeben. Mancher vermutet sogar, einen solchen Verbindungsgang zwischen den beiden dort befindlichen Burgen gäbe es noch heute. Dieses unterirdische Bauwerk soll jedenfalls nach Fertigstellung von Haus Graven noch längere Zeit Bestand gehabt haben, um die alte Motte als Fliehburg nutzen zu können.

Ist der Fluchttunnel bei Burg Villigst eine Parallele?

Zu dieser Thematik konnte ich bislang als mögliche Stütze der Theorie nur eine ähnliche Überlieferung für die Burg Villigst in Schwerte ins Feld führen. Zur ihrer Entstehungsgeschichte als Vorläuferin des Schlosses Haus Villigst wird im Internet (Burg Villigst) ausgeführt: Einst bildete eine wuchtige Turmhügelburg, eine sogenannte Hochmotte, das Kernwerk der Burg Villigst. Diese zählte zu den Größten ihrer Art in Westfalen. Die von der Bergseite her besonders gefährdete Lage der Vorburg könnte durch eine kleinen Ringwall mit Graben einen zusätzlichen Schutz erfahren haben. Dieser Ringwall soll früher durch einen unterirdischen Gang (Fluchttunnel?) mit dem Haus Villigst verbunden gewesen sein. Sogar Reste des Tunnels sollen sich vor einigen Jahren bei Tiefbauarbeiten gefunden haben. Märchen oder Realität?, fragt der Autor des Beitrags, man wisse es nicht.

Ich fand jetzt bei einer Recherche zum Thema Erdstallforschung eine neue Deutung zu einem Fluchttunnel von Haus Graven, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Erdställe fänden sich, wenn auch lückenhaft, so wird berichtet, von Ungarn über Österreich und Böhmen nach Bayern, zudem vom Rheinland über Frankreich bis nach Südengland und Irland. Dazu gäbe es Erdställe teils im Mittelmeerraum, besonders in Israel. Erdställe kämen in jedem geologischen Untergrund vor und verwiesen auf den historischen Bergbau. Ihre Verwendung und Bedeutung gäbe jedoch Rätsel auf. So habe das Fehlen von Belegen für eine erklärbare Verwendung der Erdställe eine Vielzahl von Sagen und darüber hinaus phantasiereiche Hypothesen angestoßen. Die einfachste Deutung als Versteck werde allerdings wegen der verwendeten Architektur abgelehnt. Diese Ablehnung habe im Nachgang zu der Überlegung geführt, dass die Erdställe Kultstätten gewesen sein könnten. Vieles deute nämlich darauf hin, dass diese nach ihrer Fertigstellung nicht genutzt wurden. Wenn allerdings, so konstatiert man, die mühsame Arbeit unter Tage nur zu einem rituellen Zweck diente, dann wäre die Anlage solcher Stollen von einer Symbolik, die wir heute nicht mehr verstehen würden.

Was sagt uns das hinsichtlich eines möglichen Fluchttunnels von Haus Graven hinein in die Motte Schwanenmühle?

Gab es einen Fluchttunnel von Haus Graven ?

Die Motte Schwanenmühle, Vorgängerin von Graven

Ich kannte bislang Erdställe nur aus TV-Berichten von solchen in Bayern und Österreich. Daher waren Erdställe für mich weit weg und nicht zur Sache gehörend. Jetzt lernte ich, dass ich daneben liege, denn es gab Erdställe offenbar ebenso im Rheinland. Diese wurden – wie alle anderen – in historischen Schriften zwar nirgends erwähnt, doch habe das, so die Forscher, nur dazu geführt, dass sich um die alten (oft mittelalterlichen) Stollen zahlreiche Sagen ranken. So berichten manche von unglaublich langen, unterirdischen Gängen, die Klöster, Burgen oder Schlösser untereinander verbanden. Doch anstelle einer Verbindung fände sich an dem überlieferten Ort dann nicht selten tatsächlich statt eines Ganges nur ein Erdstall. Ob wir also in Langenfeld eine unterirdische Verbindung oder einen Erdstall fänden oder uns am Ende doch nur die Sage um einen Tunnel bliebe, wissen wir ohne Grabungen nicht.

Allerdings könnten historische Interpretationen um eben jene Erdställe, so die Forscher, zumindest als immaterielle Funde zur Lösung der Rätsel beitragen. Und das wiederum, nämlich aus mündlichen Überlieferungen Geschichte zu erlesen oder zu rekonstruieren, schließt den Kreis über mündliche Berichte aus Langenfeld, insbesondere zu den „Sage(n) vom versunkenen Schloss“. Denn auch hier werden Sagen zur Deutung von Bodenzeichnungen im Moor und in den Sandbergen herangezogen.

Exkurs – Die Langenfelder Sagen, sieben an der Zahl

Zu nennen, wären (dunkelrot im neuer Browser) die beiden  Nacherzählungen der „Sage vom versunkenen Schloss“; zudem die Sage vom Weißenstein und vom „Gemarkenhund von Richrath„. Eine kleinere Überlieferungen ist die vom Möncherderweg (soll durch die Mönche bei der Klostergründung angelegt worden sein, vielleicht ursprünglich ein Mönch Heralder Weg?). Sodann wäre es der Bericht, dass die Klostergründung im Jahre 973/974 aufgegeben wurde, weil ein kaiserlicher Abgesandter in Langenfeld ermordet wurde und man das als böses Omen auffasste. Die Klostergründung wurde übrigens danach 975 in Mönchengladbach noch einmal vollzogen. Und als Letztes ist es die Sage vom Fluchttunnel zwischen Haus Graven und der Motte Schwanenmühle, die hier besprochen wird und die als mündliche Überlieferung zu nennen wäre.

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